Archiv für 12. Januar 2007

Für Elise

Januar 12, 2007

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Elise Bruchmann geb. Ehrmann, * 2.10.1918 + 6.1.2007

Ihr liewe Leit, ’s isch traurich awer wohr: Am Dreikönichsdag hen mir (de Martin un de Roland, un nadierlich a de dritte Bruder im Bund, de Wilfried) unser gude Mudder für immer hergewe müsse. Achdeachtzich Johr alt isch se worre un hat bis zum Schluss noch ihren oigene Kopf ghatt. Sie war üwerahl im Ort bekannt, im Deitsche so gut wie im Welsche, in de Siedlung un in de Hoide, un jeder hat se gern ghatt. Als oins von de letschde Neereder Originale war sie so ebbes wie des kommunale Gedächtnis, weil so wie sie hat sich niemand meh auskennt in denne verwickelde Neereder Verwandtschaftsverhältnisse. Mer hat  se alles froge kenne un hat immer e entschbrechende Antwort griegt. Wer mit wem wie zsammeghört un um wieviel Ecke rum, des hat se alles gwisst. Die ganze alde Neereder Üwername hat se kennt un a de Hinnergrund dezu, warum mer zu de Leit so gsagt hat wie mer gsagt hat.

Uf uns Buwe hat se nie ebbes komme lasse un war schtolz uf des was mer mache. Sie war a oiner von de treueschde Fans von de Altneereder Schul un werd uns (net bloß bei unsere zukünfdiche Veraschdaldunge) arg fehle.

Awer so ischs Lewe un de Dod ghert dezu.

Ohne unser Mudder dehts unser ganze Gschichde un Gedichte net gewe un die Altneereder Schul wär nie ins Lewe grufe worre. Denket an se un schließet se in eier Nachtgebet ei.

Zur Erinnerung wille grad noch e Gedicht dezu setze, wo e sellemol zu ihrem 80. Gebortsdag für se gmacht heb un wo oiniges von dem zum Ausdruck kommt, wasdse für uns gwest isch:

Unsre Mutter

Neunzehnhundertachtzehn kam sie auf die Welt.
Es waren harte Zeiten und wenig war das Geld,
doch davon hat als kleines Kind sie nicht so viel gesehn.
Die Zeit ging hin bei Spaß und Spiel, das Leben war so schön.

Die Zeit ging hin, die Schule rief, das Spielen war vorbei.
Nach Vieh versorgen, Schule gehen, da hieß es: „Raus ins Heu!“
Da ging es in den Egelsee und in den hint’ren Damm,
manchen Kilometer brachte sie barfuß dort zusamm’.

Nach getaner Feldarbeit gab’s lang noch keine Ruh’;
Melken, Füttern, Hausaufgaben kamen noch dazu.
Endlich müde in das Bett mit dem Strohsack drin.
Auf diese Art und Weise ging die Kindheit rasch dahin.

Als Konfirmandenmädchen dann mit Zöpfen hinterm Ohr
sang sie in ihrer freien Zeit gern im Kirchenchor.
Als junges Mädchen zog sie aus zur Arbeit in den Wald.
Tännchen setzen, Stümpfe roden lernte sie dort bald.

Die Arbeit war ihr nie zu viel in Haus und Wald und Feld,
und als die Zeit gekommen war, trat der Ernst in ihre Welt.
Nicht lang, da wurd’ er fortgerufen zum Krieg in fernem Land,
als er auf Heimaturlaub kam, gab sie ihm ihre Hand.

Doch ach, er mußte wieder fort zu Kampf und Leid und Fron,
in Krieg und Kriegsgefangenschaft, sah nicht sein’ ältsten Sohn.
So ging’s in den Familien in Kriegeszeiten zu
und viele Männer ließen gar ihr Leben noch dazu.

Jedoch der Ernst, der hielt sich gut, schrieb manchen Feldpostbrief
zur Elis’, die im Luftschutzbunker mehr wachte als sie schlief.
Als er am End’ nach Hause kam, da waren alle froh;
die Eltern und der Gerhard und die Elis’ sowieso.

Und wieder war’n die Zeiten hart, das Essen war nur kärglich,
doch nach und nach verbessert sich der Zustand fast unmerklich.
Drei weit’re Söhne kamen noch dazu, gesund und munter.
Der Ernst verließ das Hafenjoch und kam im Rathaus unter.

Nun konnte man auch dann und wann in Urlaub sich begeben.
Auf Freizeitfahrten in die Schweiz war manches zu erleben.
Das Fortfahr’n hat’s ihr angetan und tut es auch noch heut’.
Fast glaube ich, das Wiederkehr’n ist’s, was sie so dran freut.

Doch leider ist des Schicksals Plan von Menschen nicht zu kennen
und als die deutsche Einheit kam, da musste sie sich trennen
von ihrem lieben Ernst, der nun in Friedhofserde ruht.
Trotz allem Schmerz und allem Gram verlor sie nicht den Mut.

Sie weiß, er ging ja nur voraus den Weg, den jeder hat;
hinauf in unsres Vaters Haus, wo’s viele Wohnung hat.
Dort wird am Jüngsten Tag vereint, was hier der Tod getrennt
und niemals mehr wird dort geweint, weil man nur Freude kennt.

Auf der Erde bleibt die Zeit nicht stehn. Das Leben, das geht weiter
und ist wie immer, so und so, mal traurig und mal heiter.
Die Kinder wurden groß und brachten Frau’n und Enkelkinder
die saßen auf der Oma Schoß im Sommer und im Winter.

Nun sind auch bald die Enkel schon erwachsen oder groß
und sitzen lieber überall als auf der Oma Schoß.
Doch Oma weiß, das muß so sein und ist deshalb nicht stur,
ihr bleibt ja noch der kleine Jan, der Enkel mit der „Ur“.

Sie hat auf ihren Schultern nun die Last von achtzig Jahren,
von achtzig Wintern ist der Schnee gefangen in den Haaren.
Doch frisch und rege ist der Geist, der in dem Körper wohnt,
womit sie allen uns beweist, daß Leben sich doch lohnt.

Drum laßt uns leben, laßt uns lachen, besonders hier und heut’,
wir müssen ja doch weitermachen, ob’s uns ärgert oder freut.
Drum steht jetzt auf, erhebt das Glas und stoßt es an wie Glocken
ich muß jetzt etwas trinken denn der Mund wird mir ganz trocken

vom vielen Reden, doch ich mein, die Mutter ist es wert.
Zu ihrem Wohl trink’ ich den Wein, macht mit, ‘s ist nicht verkehrt.
Wir wünschen, daß sie hier bei uns noch sein kann lange Zeit,
die beste Mutter, die es gibt im Umkreis weit und breit.

 

Adschee Mudder un Danke für Alles.